Ein nächtlicher Spaziergang


Ich habe ein Mädchen am Straßenrand gefunden, das war voll vom roten Blut. Das brachte mich zum Nachdenken, denn ich hatte bis dahin keinen Schmerz gekannt. Wie sollte ich also in diesem Moment das ungezügelte Wirken auf meinen Geist beherrschen? Gar nicht!, schoss es mir durch den Kopf. Ein guter Geist rüttelte mich wach und erinnerte mich an den Ernst der Situation. Da es dunkel war und ich mich allein auf meinen Spaziergang gemacht hatte, konnte ich mich dem Mädchen unmöglich allein nähern. Wenn sie Opfer einer Gewalttat geworden sein sollte, konnte der Bösewicht, der sie so zugerichtet hatte, ja noch in der Nähe sein.  Das Blut gefror mir in den Adern beim Gedanken daran, wie das zarte Wesen von einem Unmenschen mit so roher Gewalt geschlagen und getreten worden sein musste, dass es jetzt dermaßen hilflos dalag. Ich rannte also zu einem nahen Gehöft, in dessen Haupthaus noch Licht brannte. Auch der Hof davor war herrlich beleuchtet, es war ja erst kurz nach Weihnachten. Ich klopfte stürmisch und nach wenigen Augenblicken waren Schritte zu vernehmen. Man öffnete mir. Eine zierliche alte Dame stand da – und das war eine ganz andere Erscheinung als ich erwartet hatte, denn der typischen Landfrau sieht man die Jahre der anstrengenden Arbeit bald an. Und dieses Persönchen hatte auch in vergangen Zeiten offenbar nicht in der Pflicht gestanden, sich die Hände schmutzig machen zu müssen. Obwohl ich also kaum Hilfe erwartete, berichtete ich kurz und bündig die Sachlage und wies auf die Dringlichkeit meiner Bitte hin, denn es ging ja um Leben und Tod. Ob ich denn schon die Behörden informiert hätte? Ja, gewiss hatte ich. Sie erklärte sich also bereit, zumindest mit der Lampe zu leuchten, während ich die Bergung vornehmen sollte. In einem Schuppen neben dem Hauptgebäude stand eine alte Schubkarre, die sie als Transportmittel vorschlug. In Gesellschaft eines Großmütterchens, ihrer Taschenlampe und einer Schubkarre machte ich mich also auf den Weg zurück, wo ich die Verletzte gefunden hatte. Ob sie etwa ganz allein auf dem Hof leben würde, fragte ich die Alte. Sie nickte eifrig und beteuerte, dass die Arbeit ihr in den letzten Jahren zwar nicht gerade leichter von der Hand gehen würde, aber man würde sie ja doch brauchen, also könne sie an den Ruhestand noch nicht denken. Und ob es denn keine Verwandten mehr gäbe, die sie unterstützen wollten, fragte ich. Sie kicherte und meinte nur, dass es doch niemanden unter den Jüngeren mehr geben würde, der sich mit so einer Arbeit zufrieden gäbe. Da musste ich ihr innerlich zustimmen.

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Als wir an der Stelle angekommen waren, wo das Mädchen gelegen hatte, war mein Erstaunen so groß, dass ich erst im nächsten Moment bemerkte, wie mich die Angst überkam. Denn dort, wo eben noch ein junges Ding seine letzten Atemzüge zu tun drohte, war nun: nichts. Ich wies meine Begleiterin an, mit der Taschenlampe über das angrenzende Feld zu leuchten, doch im Lichtkegel blitzten nur die Augen eines Rehs auf, das uns regungslos aus der Ferne beobachtet hatte und jetzt verschreckt davonlief. Ich beteuerte, dass ich mich nicht geirrt haben konnte, im gleichen Augenblick aber brannte mir die drohende Frage auf der Seele, ob ich soeben dem Wahnsinn anheimfiel. Da für den Moment nichts anderes übrig blieb, beschloss ich, vorerst zum Hof zurückzukehren, der ja nur wenige Dutzend Meter entfernt lag, und darauf zu warten, bis Retter eintreffen würden, denn hier führte die Hauptstraße vorbei und man würde uns direkt finden können. Der kalte Winterwind blies mir ums Gesicht, als ich die dunkle Straße hinunterblickte. Aus dem Dunkel der Nacht näherte sich nun langsam das blaue Blitzen. Wie ich dem Lichtspiel so verträumt entgegensehe, ist mir die alte Frau auf einmal ganz nahe gekommen. Ich sehe ihr zum ersten Mal in ihre hohlen Augen und falle in den tiefen, tiefen Schlaf.

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Noch


Noch-mehr Koffein-mehr Flüssiges-mehr Nikotin-mehr Sex?

Wie gefahrvoll war die Stille nach der letzten Nacht?

Ich habe den Rausch nie geliebt, sondern nur den Weg zum Gipfel. Und als Du weg warst, konnte ich nicht widerstehen, sondern bin ganz und gar eingetaucht in das dunkle Blau. Und jetzt bin ich eins mit ihm, solange Du weg bist. Die in Samt verkleidete Katzenfrau spricht in Worten vergangener Tage und bemitleidet unsere Generation, wie sich jede Generation vor uns bemitleidete, die Schuld von sich weisend. Wir würden auf grünen Wiesen liegen, mit Blumen im Haar. Wir würden uns frei machen von allen Zwängen, wären Gottes Kinder. Wir wären für immer Kinder geblieben, damals aber nur. Jetzt freilich verotten wir und der Himmel ist ein kalter Schild gegen Deine Klagen. Wer ihrem verführerischen Schnurren glaubt, hat seinen Hals verwettet und ist wirklich verloren. Weiterlesen