Über’s Lernen


Ich erwachte: am ersten Tag.

Der Kopf leer und ein Kind.

Die allerersten Zeilen von Bedeutung fließen in meinen leeren Hirnkasten, mit größter Wonne stapeln sich neue Synapsen bis zur Schädeldecke. Ungekannte Weisheitsströme brechen sich Bahn.

Ich erhebe mich am zweiten Tag.

Die alte Maschine rattert unentwegt vor sich hin, der Rost ist abgeblättert und die Zähne greifen fleißig ineinander. Es ist eine Freude – herrlich – wie eifrig das Schlucken meine Gurgel dehnt. Der alte Hirnkasten, voll in Fahrt.

Ich öffne die Augen: fünfter Tag.

Schlussendlich habe ich alle falschen Dränge aus meiner Hülle verbannt. Kein leidliches Fünkchen regt sich mehr, das nach draußen schreit. Jetzt kann ich noch schneller schlucken!

Lider heben: zehnter Tag.

Zur meiner Freude fällt die ganze Trägheit von mir ab und ich bin frei. Frei, mich im Raum zu bewegen, den Sentenzen und Rezepte um mich herum geschaffen haben.

Ein Ruck: Zwanzigster Tag.

Die Wirbel zum Schneckenhaus gekrümmt wandere ich auf und ab. Bewegung tut dem Hirnkasten gut, weil er dann ein wenig durchgerüttelt wird. Er qualmt und stinkt wie ein alter Autoreifen (in Flammen). — Wissenschaftler haben herausgefunden, dass wir nur zehn Prozent unseres Gehirns effektiv nutzen — Na dann.

Auf!: Dreißigster Tag.

Vor mir liegt in Scherben der freie Wille, die alte Sau. Gebückt über Papieren fragst Du mich: „Wie war der Sommer?“ Sommer. Ja, richtig. Da war dieser leichte Wandel des Beleuchtungsgradienten, den ich von der Schreibtischplatte aus beobachtet habe.

In die Wüste, hin und wieder zurück: Vierzigster Tag.

Eine Geisterhand wandert mit kalten Fingern meinen Nacken hinunter und beginnt, ganz zärtlich an meinen Halswirbeln zu zupfen. Als sie endlich den knöchernen Pilaster zu packen bekommt, reißt sie ihn mit Herkuleskraft aus der Hülle und hängt den schlaffen Sack daran – zum Haken geformt – an der Türzarge auf.

Prüfung

Zementiert salutiere ich vor dem Meister. Schließlich darf ich mein Können unter Beweis stellen. Ohne mich aber dagegen wehren zu können, steigt in mir der unbändige Drang auf, mich zu übergeben. Bevor ich das Weite suchen kann, ergießt sich auf dem Tisch ein Schwall grünlich gelber Masse. Zufrieden fingert der Meister in dem gallertartigen Haufen herum und blinzelt mir lächelnd zu. Was für eine souveräne Leistung!

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