Alles wird gut


„Ein Leben lang laufen wir Symbolen hinterher, die wir für den Abglanz des Göttlichen halten. In Wahrheit sind sie Abgrund unserer Seelen, gerade in dem Maße, wie sie uns beherrschen.“

– Krishna Raji Baba

***

An diesem dunklen Wintermorgen war es wirklich so kalt, dass die Eiskristalle an der Scheibe beschlossen hatten, sich unter dem Fensterahmen mit der abgeblätterten Farbe hindurchzuquetschen und in unser Badezimmer hineinzuwachsen. Es war ihnen draußen wohl auch zu kalt geworden.

„Wir müssen was mit diesen undichten Stellen machen“, sagte ich, „es kommt überall was durch, wo es nicht soll.“

„Hm“, Victor schnaubte, „also Schere, Stein…“

„Moment!“ Ich rieb mir die Oberarme und tat so, als würde ich mich wärmen wollen.

In Wirklichkeit überlegte ich fieberhaft. Victor gewann dieses Spiel in den letzten Tagen unverschämt oft. Und ich musste höllisch aufpassen, wenn ich nicht wieder unten sein wollte.

Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich ihn an, um seine Gedanken abzusaugen. Dann ließ ich meinen Blick an ihm herunterwandern, seinem nackten Körper, ganz in Gänsehaut gekleidet und mit zwei herausfordernd abstehenden Brustwarzen. Und vor ihm mein nackter Leib, frostgebeutelt und jämmerlich gekrümmt. Kurz davor, noch einmal nach unten zu müssen.

Wir schaukelten die Hände drei Mal: „Schere, Stein …“

„Schnuck!“, rief ich. Daumen und Zeigefinger zum Brunnen gebogen.

„Gewonnen“, murmelte Victor.

„Die Schere fällt doch rein!“, protestierte ich.

„Das ist eine Gurke.“ Kaum merklich fuhren die Scherenschneiden übereinander und ergaben eine leidlich gewölbte Cornichon. „Gurke verstopft Abfluss… kennt man ja.“ Weiterlesen

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