Alles wird gut


„Ein Leben lang laufen wir Symbolen hinterher, die wir für den Abglanz des Göttlichen halten. In Wahrheit sind sie Abgrund unserer Seelen, gerade in dem Maße, wie sie uns beherrschen.“

– Krishna Raji Baba

***

An diesem dunklen Wintermorgen war es wirklich so kalt, dass die Eiskristalle an der Scheibe beschlossen hatten, sich unter dem Fensterahmen mit der abgeblätterten Farbe hindurchzuquetschen und in unser Badezimmer hineinzuwachsen. Es war ihnen draußen wohl auch zu kalt geworden.

„Wir müssen was mit diesen undichten Stellen machen“, sagte ich, „es kommt überall was durch, wo es nicht soll.“

„Hm“, Victor schnaubte, „also Schere, Stein…“

„Moment!“ Ich rieb mir die Oberarme und tat so, als würde ich mich wärmen wollen.

In Wirklichkeit überlegte ich fieberhaft. Victor gewann dieses Spiel in den letzten Tagen unverschämt oft. Und ich musste höllisch aufpassen, wenn ich nicht wieder unten sein wollte.

Mit zusammengekniffenen Augen starrte ich ihn an, um seine Gedanken abzusaugen. Dann ließ ich meinen Blick an ihm herunterwandern, seinem nackten Körper, ganz in Gänsehaut gekleidet und mit zwei herausfordernd abstehenden Brustwarzen. Und vor ihm mein nackter Leib, frostgebeutelt und jämmerlich gekrümmt. Kurz davor, noch einmal nach unten zu müssen.

Wir schaukelten die Hände drei Mal: „Schere, Stein …“

„Schnuck!“, rief ich. Daumen und Zeigefinger zum Brunnen gebogen.

„Gewonnen“, murmelte Victor.

„Die Schere fällt doch rein!“, protestierte ich.

„Das ist eine Gurke.“ Kaum merklich fuhren die Scherenschneiden übereinander und ergaben eine leidlich gewölbte Cornichon. „Gurke verstopft Abfluss… kennt man ja.“

„Was? Du kannst dir nicht immer neue Elemente ausdenken.“

Doch Victor ignorierte meinen Einwand und stieg seelenruhig in die Duschwanne.

Es war dieser unglaublich kalte Winter 2012, als wir uns die Warmwasserrechung nicht mehr leisten konnten und wir deswegen immer zu zweit duschen mussten. Einer musste dabei immer unten sein, das war unsere Regel. Das war derjenige, der das verbrauchte Wasser des anderen auf den Kopf bekam, damit wenigstens einer in den vollwertigen Duschgenuss kam. Und seit Tagen war ich verblüffend oft unten.

„Das ist kein neues Element“, prustete Victor, während ihm das Wasser übers Gesicht rann, „guck mal in den Regeln nach.“

Es regte mich weniger auf, dass er mich beim Schnick-Schnak-Schuck ums Duschrecht ständig betrog. Es regte mich vielmehr auf, dass er das mit einer so sorglosen Gleichgültigkeit tat. Am nächsten Morgen würde ich mit aller Härte zurückschlagen und ein unbesiegbares Element in der Hand haben.

 ***

 Als ich gestriegelt und in bunter Strickware eingewickelt die Straße betrat, hatte ich das Gefühl, dass sich über der Stadt die Schlechtwetterfront von Mordor zusammenbraute. Der Mayakalender hatte für dieses Jahr das Ende der Welt vorhergesagt und sich damit bisher elf Monate Zeit gelassen. Aber heute konnte es wirklich so weit sein, so hässlich dreckig und ungemütlich war der Himmel.

Den ersten Schritt auf die Straße getan, verspürte ich einen unangenehmen Druck an meinem Fuß, als hätte sich ein kantiger Gegenstand in die Schuhsole gebohrt. Als ich meinen Fuß hob, fand ich eine kleine bronzene Münze, die sich wie eine Reißzwecke tief in das abgelaufene Gummi vergraben hatte. Ich zog das Geldstück heraus.

Und hielt einen Glückspfennig in der Hand. Eine schimmernde Ein-Cent-Münze. Was für eine Ironie, dass mich das Glück vor zehn Minuten so schmählich im Stich gelassen hatte, um sich mir jetzt mit aller Gewalt aufzudrängen. Mit einem grimmigen Lächeln ließ ich das Geldstück in meine Jackentasche gleiten. Vor einer weiteren Gebrauchtwasserdusche würde es mich sicher nicht bewahren.

Wenig später drückte ich mich im Omnibus zwischen Leiber, die in ebenso bunten Schafhäuten steckten wie ich. Ich schaute mich um. Es war damals wieder modern, Selbstgestricktes gegen die klirrende Kälte zu tragen. Und wäre es anders gewesen, dann wäre heute auch niemand mehr am Leben, um davon zu berichten.

Doch zwischen den flauschigen Mützen, Schals und Ponchos erblickte ich zu meinem Erstaunen ein Wesen, das einen derart andersartigen Kleidungsstil pflegte, dass es allein deshalb meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Dazu kam, dass es ein weibliches war.

Die schwarze hautenge Jeans war von ausgefransten Löchern durchzogen, die das winterblasse Fleisch darunter freigaben. Zwischen den hippieesken Wollhaufen erglänzte die nihilistische Klamotte in einem Charme von unglaublicher bohemian Coolness. Weiter oberhalb des Augenfängers strahlten dunkle Augen aus einem Gesicht, das eine überwältigende Mischung aus Unschuld und Abenteuerlust versprühte.

Ihr Blick traf mich und es durchfuhr mich wie Feuer.

Ungeschickt schaute ich zur Seite und ließ meine Augen über die Falten der Ziehharmonika in der Busmitte wandern. Was zugegeben ein reichlich unglaubwürdiges Ausweichmanöver war, weil niemand längere Zeit auf alte Gummirunzeln starrt.

Aber es stand außer Zweifel: das engelsgleiche Wesen hatte mich angeschaut. Krampfhaft richtete ich meine Augen noch einmal in ihre Richtung. Diesmal war es ihr Blick, der sich ruckartig abwandte und an irgendeiner Belanglosigkeit haften blieb.

(Man muss dazu sagen, dass ich sogenanntes Flirten hasste, wie sich aus dieser Erzählung wenig eleganter Aufmerksamkeitsfokussierungen ableiten lässt. Das emotionale Ergebnis war zweifellos ein schönes, aber der Weg dahin in meinem Empfinden harte Arbeit.)

Zwei positive Testläufe! Das konnte wohl kein Zufall sein. Mit aller Kraft bereitete ich mich darauf vor, dass sie noch einmal ihren zierlichen Kopf in meine Richtung drehte, doch im nächsten Moment wurde der Bus langsamer und kam zum Stehen. Es war jetzt der Augenblick gekommen, um eine Probe aufs Exempel zu machen. Wenn ich den Platz passierte, auf dem sie saß, würde ich es ein letztes Mal wagen, ihren Blick zu streifen. Wenn sie dann – sich in Sicherheit wähnend, weil ich schon beinahe passé war- noch einmal nach mir schauen würde, wären der Beweise mehr als genug. (Das Ganze war übrigens eine altvertraute Taktik, die jedem bekannt sein dürfte, der gelegentlich Bus fährt. Ich hätte sie sozusagen beim Hinterhergucken erwischt.)

Was aber, wenn sie weiterhin ignorant aus dem Fenster starrte?

Meine wildesten Träume wären mit einer schmerzlichen Fallhöhe zerschmettert.

Da gab mir ein harter, glatter Gegenstand in meiner Jackentasche ein Zeichen. Der Glückspfennig, den ich vor Minuten noch als nutzlosen Götzen abgetan hatte, meldete sich zwischen meinen Fingerkuppen lautstark zu Wort. Ob es Zufall war oder ein Wink des Schicksals, in jedem Falle verspürte ich ein ungekanntes Maß an Zuversicht, als ich den Begleiter in meiner Tasche wiederfand.

Ich musste es wagen, daran bestand nun keinerlei Zweifel!

Wenige Schritte vor meiner Angebeteten. Und ihr Haupt wandte sich unmerklich um ein Tausendstel Grad in meine Richtung. Als ich aber direkt neben ihr in der Warteschlange vor den Bustüren verharrte, traf mich wieder der Blitz der Glückseligkeit aus diesen tiefen dunklen Augen.

Sie hatte mich angeschaut! Und sie tat es weiterhin. Ein latentes Lächeln umspielte ihre Lippen und ich erwiderte die Initiative unwillkürlich mit dem Grinsen eines Gehirnamputieren.

Als ich den Bus verließ, schwebte ich auf Wolken.

Für alle, die jemals wahrhaft verliebt waren, spare ich die Beschreibung meiner Gefühle aus, denn sie wissen, dass sie sich ohnehin nicht in Worte fassen lassen. Und jenen Unbedarften, die es nie erleben, sei gesagt: jegliche Umschreibung ist nur müder Abglanz.

Ich würde von nun an öfter mit dem Bus fahren.

Während ich den Bürgersteig entlangschlenderte, von den Ketten des irdischen Daseins für eine Weile befreit, ließ ich meine Finger über den mächtigen Talisman in meiner Hand fahren. Und ich war mir in Klaren darüber, wer verantwortlich für mein unverschämtes Glück war.

 ***

Als ich die Wohnung betrat, begrüßten mich der unverwechselbare Geruch von Marihuana und Urzeitkrebs-Futter aus dem Yps-Magazin. Die Zimmertür meines neuen Untermieters stand offen und er kniete in einem Zustand höchster Konzentration vor einem Aquarium, das ebenfalls aus dem Yps-Heft zu stammen schien, so winzig geraten war es.

Behutsam ließ er einzelne Krümel aus der Futtertüte ins Wasser rieseln und beobachtete die Triopse, die sich darin tummelten. Seitdem er die frühen Konzeptzeichnungen von Jurrasic World gesehen hatte, war er von der wahnhaften Idee beseelt, er könne seine Urzeitkrebse mit menschlichem Samen befruchten. Wie genau er das verwirklichen wollte, wollte ich gar nicht wissen und trottete in die Küche.

Dort saß Victor und ließ Rauchringe aus dem offenen Fenster steigen.

„Findest du es nicht ein bisschen kalt hier?“

„Wieso?“, fragte er unberührt, „die Heizung ist doch auf voller Stufe.“ Mit einem Seufzer der Entspannung legte er die Füße auf den glühenden Heizkörper unter dem Fenster. „Unser neuer Freund hat auch schon gemeckert. Er hat vorgeschlagen, dass wenn ich die Heizkosten ins Unendliche treiben will, dann soll ich auch einen höheren Anteil zahlen. Dumme Idee.“

„Du hältst jeden seiner Vorschläge für eine dumme Idee“, wandte ich ein.

Victor warf mir einen skeptischen Blick zu: „Ich halte seine ganze Person für eine dumme Idee.“

Ich verstand, dass im Zustand seiner toxisch-induzierten Geistesumnachtung gerade nicht der Zeitpunkt war, ihm zu widersprechen. Aus einer Laune heraus fragte ich: „Hattest du schon mal das Gefühl, dass du etwas unbedingt tun musst?“

„Müssen? Also: Zwang? Vier Milliarden Menschen auf der Welt leben in diktatorischen oder para-diktatorischen Zuständen und du willst mir was von Zwang erzählen? You’re free, to do what you want, any own time!“

„Ich meinte mehr so etwas wie Schicksal.“

„Oooh, das meinst du“, er überlegte einen Augenblick, „unter den Umständen darfst du natürlich von Zwang sprechen. Worum geht’s denn?“

„Ich werde den Rest meines Lebens Bus fahren müssen. Ich habe ein Mädchen getroffen. Aber ich kenn‘ sie nicht, also bleibt mir nichts anderes übrig, als immer wieder zufällig Orte aufzusuchen, an denen sie sich auch gerade aufhält.“

Victor grinste bloß.

„Was würdest du denn machen?“ Ich kam mir schon etwas dämlich vor, dass ich gerade meinen größten Schnick-Schnack-Schnuck-Feind um Rat fragte.

Victor hob zu einer affektierten Ansprache an: „Habe nun, ach!, Philosophie, Juristerei und Medizin und leider auch Theologie studiert… und alles leider nur zwei Semester lang. Aber eine Lehre habe ich daraus gezogen.“ Er blies eine Rauchwolke über den Tisch und hob bedeutungsvoll die Augenbrauen. „Wem du’s heute kannst besorgen, den verschiebe nicht auf morgen… Und alles wird gut.“

Toll, solche Lebensweisheiten.

„Hältst du das nicht irgendwie für so eine Art … fixe Idee?“

„Weißt du, irgendwann kommst du in das Alter, wo du häufiger den Müttern als den Töchtern hinterherschaust und das Gefühl hast, alles mal in ruhigere Bahnen lenken zu müssen.“

„Aber du bist doch nur zwei Jahre älter als ich.“

„Na also“, er grinste, „dann weißt du ja, was du in der Zeit zu tun hast. Denk an meine Worte.“

 ***

 Obwohl Victors Kernaussage sich irgendwo zwischen dämlich und witzig bewegte, so wie dieser Mensch im Allgemeinen, trieb sie mich doch noch Stunden um. Denn auch, wenn ich die Wortwahl im Falle meiner Engelserscheinung für gänzlich unangebracht hielt, so schien es, als würden Victor und der Glückspfennig wie ein Choral gleichsam skandieren: Tu es! …Und alles wird gut.

Am nächsten Morgen war ich wie besessen von der Idee, meine geheime Angebetete wiederzusehen. Vor dem Abstieg in die Duschwanne fragte ich meinen neuen Glücksbringer, ob es sich heute lohnte, Victor ernsthaft herauszufordern.

Das schillernde Eichenblatt gab mir bedenkenlos zu verstehen, dass ich meine Schlachten heute in einem anderen Feld schlagen würde und ich fügte mich wortlos. „Du lernst schnell“, blubberte Victor unter dem warmen Strahl hervor.

Voller Tatendrang marschierte ich aus dem Haus in Richtung Haltestelle. Neben mir hörte ein Kerl in Schlaghose und Pelzmantel über seine Kopfhörer in ohrenbetäubender Lautstärke das Kooks-Cover von Young Folks. Ein beseeltes Lächeln huschte über meine Lippen. Wie häufig denkt man nostalgisch an alte Zeiten zurück und denkt, längst darüber hinweg zu sein, über diesen Zustand, in dem man glaubte, im Augenblick der Verliebtheit die Grenzen der Welt zu verstehen. Und plötzlich holt einen die Young Folks-Stimmung und der Kinder-Glaube wieder ein.

Als die eiserne Ziehharmonika vor uns zum Stehen kam, zerplatzten meine Träume jäh. Sie fuhr nicht mit. Zerknirscht presste ich mich zwischen die Leiber und fingerte aggressiv an meinem Talisman herum. Hatte seine Zauberkraft so früh seine Wirkung verloren?

Bei der Uni angekommen, hatte ich den Cent so heiß gerubbelt, dass ich meine Hand erschrocken aus der Tasche zog und im Schnee kühlen musste.

Da schritten zwei löchrige Jeansbeine an mir vorbei. Ich hatte sie wiedergefunden! Und tatsächlich war es wieder mein Glücksbringer gewesen, der mich zum rechten Ort geführt hatte. Wie konnte mir ihr Anblick überhaupt entgangen sein? (Man muss dazu sagen, dass es zu der Zeit nicht modern war, sich als Frau zerlumpte Hosen zu kaufen. Dieser Trend, der zwei oder drei Jahre später aufkam, hat sich mir keineswegs erschlossen, der einzige Nutzen liegt wohl darin, dass man sich mit Löcherjeans in Großstädten besser unerkannt zwischen die Obdachlosen mischen kann. So gesehen habe ich genauso wenig Verständnis für die plötzlichen Samurai-Zöpfe junger Männer gehabt, die wohl ähnlich stilvoll sind. Im Gegensatz zu den Löcherjeans trifft man jedoch selten Samurai in deutschen Großstädten… aber diese Geschichte erzähle ich an anderer Stelle.)

Ich heftete mich also an ihre Fersen und folgte ihr in den alten Arthur-Schnipsler-Hörsaal. Der Talisman in meiner Tasche erbebte.

Gerade noch sah ich sie hinter einer Tür verschwinden, die zur Kellertreppe führte. Die Kellergewölbe waren ein geheimnisvolles Reich der Unterwelt. Einige Chemieveranstaltungen fanden dort angeblich statt. Und als ich die staubigen Marmorstufen hinabging, kam mir tatsächlich ein Hauch von Schwefel entgegengeströmt. Wie Orpheus mit der Lyra steuerte ich mit meinem Glückspfennig in den düsteren Tunnel hinab.

Als ich das Ende des Tunnels erreicht hatte, gabelte sich der weitere Weg. Ich hatte das Objekt meiner Sehnsucht aus den Augen verloren und nur das Widerhallen ihrer Schritte verriet, dass sie sich noch in den Gewölben befand. Zweifelnd ließ ich meinen Blick zwischen den beiden Gängen hin und her wandern, die mit ihren gekachelten Wänden im flackernden Neonlicht an den alten Elbtunnel erinnerten.

Ohne nachzudenken warf ich die Münze und das Eichenblatt wies mir den Weg nach links. Zum Herzen, wie trivial, schoss es mir durch den Kopf.

Es dauerte nicht lange, da kam ich in einen Raum, der mit allerlei Laborutensilien bestückt war. Auf schmalen Tischen standen aufgereiht Glaskolben, Petrischalen und Bunsenbrenner. Das sonderbarste Stück unter allen war aber die ausgestopfte Figur eines lebensgroßen Bären, der mit offenem Maul und erhobenen Tatzen bedrohlich lebendig aussah.

„Und waaaaas“, dröhnte es in meinem Schädel, „willst du in meinem Reich, Erbärmlicher?“

Ein kalter Schauer lief mir den Rücken hinunter. Hatte ich den Bären durch das Betreten des Raumes etwa verärgert?

„Verzeihung“, stammelte ich, „aber ich habe mich wohl verirrt.“

Die eingefrorene Fratze des Untiers musterte mich.

„Hierher verirrt sich niemand. Seit Jahren hat sich niemand bis hierher vorgewagt.“

Noch immer schwang Empörung in seiner Stimme mit, doch erkannte der Bär wohl auch, dass ich die Wahrheit sprach.

„Ich bin meinen Talisman gefolgt“, gab ich kleinlaut zu, „er hat mich in deine Höhle geführt.“

„So, so“, brummte der Bär, „ich glaube, ich weiß, warum du hier bist.“

Einem Mädchen in die Anderswelt zu folgen, war schon vielen Unglücklichen passiert. Würde er mich nun mit seinen furchtbaren Klauen töten?

„Ich sehe, dass du Mut und Entschlossenheit in deinem Herzen trägst. Wähle also selbst dein Schicksal. Vor dir siehst du drei verschlossene Flaschen aus Gold.“

Auf dem Tisch, der etwas abseits zu meiner Rechten stand, waren tatsächlich drei dickbäuchige Flaschen aufgestellt, die im warmen Kerzenlicht geheimnisvoll schimmerten.

„Nimm diejenige von ihnen, welche du für die Richtige hältst, und öffne sie. Wählst du aber die Falsche…“, der Bär machte eine bedeutungsvolle Pause, „wird das dein Ende sein.“

Mit weichen Knien machte ich einige Schritte auf den Tisch zu und streckte meine Hand zögernd nach der mittleren der Goldgalonen aus. Prüfend tastete ich mit der anderen Hand in meiner Tasche nach dem Pfennig. Eine Eiseskälte ging von ihm aus. Bedächtig ließ ich meine Hand zur linken Flasche gleiten. Da glühte der Glückscent auf einmal wie Eisen in der Esse.

Entschlossen griff ich zu. Ohne zu zögern schraubte ich den rostzerfressenen Verschluss ab. Da dröhnte hinter mir das Brüllen des Bären und mit ihm zerfetzte der Raum in einem gleißenden Licht. In einem strahlend leuchtenden Wirbelwind wurden alle Gegenstände samt dem ausgestopften Bären in die Flasche hineingesogen und verschwanden darin. Zu dem Brüllen des Raubtiers kam ein infernales Rauschen, als stände ich inmitten einer Tsunamiwelle.

Geblendet und ohrenbetäubt riss ich schützend die Arme über meinen Kopf. Als es plötzlich vorbei war.

Zum Fötus gekrümmt lag ich da im Schnee. Mein Atem kräuselte sich hinauf zum ewig grauen Himmel. Zitternd erhob ich mich und schaute mich verwirrt um, als sei ich aus einem üblen Traum erwacht, obwohl ich doch viel klarer sah.

Instinktiv griff ich in meine Tasche. Der mächtige Glückspfennig aber war verschwunden.

Ich hangelte mich an einer Straßenlaterne hinauf und prompt stach mir ein Satz ins Auge, der in schwungvollen Lettern auf einem Aufkleber prangte.

Mit grimmiger Zuversicht las ich: Alles wird gut.

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